Die Anekdote

Anekdote  (PDF-Arbeitsblatt zur Anekdote)
Merkmale der Anekdote
Beispiele für die Anekdote

Die Anekdote - Erklärung

Die Anekdote gibt eine wahre oder erfundene Begebenheit über eine Person (auch über bekannte Personen) in kurzer Form wieder. Diese Begebenheit verdeutlicht den Charakter der beschriebenen Person, muss aber nicht der Wahrheit entsprechen.

In vielen Anekdoten findet sich am Ende eine witzige Pointe (überraschende Wendung oder Witz). Meist wird in der Anekdote der Ort und die Zeit des Geschehens genannt.

Wichtige Merkmale der Anekdote:

  • die Pointe der Anekdote
  • auf das Wesentliche beschränkter Erzähltext
  • genaue Charakterisierung der Person

Anekdoten ähneln der Fabel, dem Schwank und dem Witz. Heinrich von Kleist und Johann Peter Hebel stellen die bekanntesten Vertreter der Anekdote dar. Man kennt die Urheber von Anekdote oft nicht.

Beispiele für Anekdoten:

Zu einem Schadchen (Heiratsvermittler) in Prag kam jemand, um anzufragen, ob er für seinen Sohn eine gute Frau wüsste. „Was ist Ihr Sohn?", fragte dieser. „Mein Sohn war sechs Jahre Lehrer, er hat sich etwas Geld erworben, hat das Lehramt aufgegeben und ist ein ordentlicher Mensch geworden."
Quelle: Jüdisches Volksblatt, Nr. 2 von 1856, Magdeburg.


Heinrich von Kleist
Anekdote


Bach, als seine Frau starb, sollte zum Begräbnis Anstalten machen. Der arme Mann war aber gewohnt, alles durch seine Frau besorgen zu lassen; dergestalt, dass da ein alter Bedienter kam und ihm für Trauerflor, den er einkaufen wollte, Geld abforderte, er unter stillen Tränen, den Kopf auf einen Tisch gestützt, antwortete: „Sagt's meiner Frau." –


Heinrich von Kleist - Anekdote
Der Griffel Gottes


In Polen war eine Gräfin von P..., eine bejahrte Dame, die ein sehrbösartiges Leben führte und besonders ihre Untergebenen durch ihren Geiz und ihre Grausamkeit bis aufs Blut quälte. Diese Dame, als sie starb, vermachte einem Kloster, das ihr die Absolution erteilt hatte, ihr Vermögen, wofür ihr das Kloster auf dem Gottesacker einen kostbaren, aus Erz gegossenen Leichenstein setzen ließ, auf welchem dieses Umstandes, mit vielem Gepränge, Erwähnung geschehen war. Tags darauf schlug der Blitz, das Erz schmelzend, über den Leichenstein ein und ließ nichts als eine Anzahl von Buchstaben stehen, die, zusammen gelesen, also lauteten: Sie ist gerichtet!
– Der Vorfall (Die Schriftgelehrten mögen ihn erklären) ist gegründet; der Leichenstein existiert noch, und es leben Männer in dieser Stadt, die ihn samt der besagten Inschrift gesehen.


Heinrich von Kleist
Anekdote aus dem letzten preußischen Kriege


In einem bei Jena liegenden Dorf erzählte mir auf einer Reise nach Frankfurt der Gastwirt, dass sich mehrere Stunden nach der Schlacht, um die Zeit, da das Dorf schon ganz von der Armee des Prinzen von Hohenlohe verlassen und von Franzosen, die es für besetzt gehalten, umringt gewesen wäre, ein einzelner preußischer Reiter darin gezeigt hätte und versicherte mir, dass wenn alle Soldaten, die an diesem Tage mit gefochten, so tapfer gewesen wären, wie dieser, die Franzosen hätten geschlagen werden müssen, wären sie auch noch dreimal stärker gewesen, als sie in der Tat waren. Dieser Kerl, sprach der Wirt, sprengte, ganz von Staub bedeckt, vor meinen Gasthof und rief: „Herr Wirt!“, und da ich frage: „Was gibt’s?" „Ein Glas Branntwein!“, antwortet er, indem er sein Schwert in die Scheide wirft: „Mich dürstet.“ „Gott im Himmel!" sag’ ich: „Will er machen, Freund, dass er wegkommt? Die Franzosen sind ja dicht vor dem Dorf!" „Ei, was!“, spricht er, indem er dem Pferde den Zügel über den Hals legt. „Ich habe den ganzen Tag nichts genossen!“ Nun er ist, glaub’ ich, vom Satan besessen –! „He! Liese!", rief ich, „und schaff’ ihm eine Flasche Danziger herbei", und sage: „Da! Und will ihm die ganze Flasche in die Hand drücken, damit er nur reite. „Ach, was!“, spricht er, indem er die Flasche wegstößt und sich den Hut abnimmt: „Wo soll ich mit dem Quark hin?“ Und: „Schenk’ er ein!“, spricht er, indem er sich den Schweiß von der Stirn abtrocknet: „Denn ich habe keine Zeit!“ „Nun er ist ein Kind des Todes", sag’ ich. „Da!", sag’ ich und schenk’ ihm ein. „Da! Trink’ er und reit’ er! Wohl mag’s ihm bekommen." „Noch Eins!“, spricht der Kerl; während die Schüsse schon von allen Seiten ins Dorf prasseln. Ich sage: „Noch Eins? Plagt ihn –!" „Noch Eins!“, spricht er und streckt mir das Glas hin – „Und gut gemessen“, spricht er, indem er sich den Bart wischt und sich vom Pferde herab schnäuzt: „Denn es wird bar bezahlt!“ Ei, meine Seele, so wollt ich doch, dass ihn –! „Da!", sag’ ich, und schenk’ ihm noch, wie er verlangt, ein Zweites und schenk’ ihm, da er getrunken, noch ein Drittes ein und frage: „Ist er nun zufrieden?" „Ach!“ – schüttelt sich der Kerl. „Der Schnaps ist gut! – Na!“, spricht er und setzt sich den Hut auf: „Was bin ich schuldig?“ „Nichts, nichts!", versetz’ ich. „Pack’ er sich ins Teufelsnamen, die Franzosen ziehen augenblicklich ins Dorf!" „Na!“, sagt er, indem er in seinen Stiefel greift: „So soll's ihm Gott lohnen“ und holt aus dem Stiefel einen Pfeifenstummel hervor und spricht, nachdem er den Kopf ausgeblasen: „Schaff’ er mir Feuer!“ „Feuer?", sag’ ich: „Plagt ihn –?" „Feuer, ja!“, spricht er: „Denn ich will mir eine Pfeife Tabak anmachen.“ Ei, den Kerl reiten Legionen –! „He, Liese", ruf ich das Mädchen! Und während der Kerl sich die Pfeife stopft, schafft das Mensch ihm Feuer. „Na!“, sagt der Kerl, die Pfeife, die er sich angeschmaucht, im Maul: „Nun sollen doch die Franzosen die Schwerenot kriegen!“ Und damit, indem er sich den Hut in die Augen drückt und zum Zügel greift, wendet er das Pferd und zieht von Leder. „Ein Mordkerl!", sag’ ich, „ein verfluchter, verwetterter Galgenstrick! Will er sich ins Henkers Namen scheren, wo er hingehört? Drei Chasseurs (militärischer Ausdruck für sog. Jäger) – sieht er nicht? - halten ja schon vor dem Tor?" „Ei was!“, spricht er, indem er ausspuckt und fasst die drei Kerls blitzend ins Auge. „Wenn ihrer zehn wären, ich fürcht mich nicht.“ Und in dem Augenblick reiten auch die drei Franzosen schon ins Dorf. „Bassa Manelka!“, ruft der Kerl, und gibt seinem Pferde die Sporen und sprengt auf sie ein, sprengt, so wahr Gott lebt, auf sie ein und greift sie, als ob er das ganze Hohenlohische Corps hinter sich hätte, an; dergestalt, dass, da die Chasseurs, ungewiss, ob nicht noch mehr Deutsche im Dorf sein mögen, einen Augenblick, wider ihre Gewohnheit, stutzen, er, meine Seele, ehe man noch eine Hand umkehrt, alle drei vom Sattel haut, die Pferde, die auf dem Platz herumlaufen, aufgreift, damit bei mir vorbeisprengt und „Bassa Teremtetem!“ ruft und: „Sieht er wohl, Herr Wirt?“ und „Adies!“ und „Auf Wiedersehn!“ und: „Hoho! hoho! hoho!“ – – „So einen Kerl", sprach der Wirt, „habe ich Zeit meines Lebens nicht gesehen."

Quelle: Heinrich von Kleists gesammelte Werke, Erster Band, Hildburghausen 1868. Rechtschreibung angepasst.

(PDF-Arbeitsblatt zur Anekdote)

Die Anekdote für  Klasse 8, Klasse 9, Klasse 10, Klasse 11 und Klasse 12.

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Die Anekdote

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Beispiele für Anekdoten und lustige Anekdoten von Heinricht von Kleist. Anekdoten im Unterricht


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